Im Gespräch mit… NINA HOLLEIN

Das Gebiet um die Laubenstraße ist wohl eine der beschaulichsten Straßen in Sachsenhausen. Sanierte Altbauten, viele Grünflächen und eine für Frankfurt vergleichsweise seltene Ruhe. Inmitten dieser fast schon Großstadtidylle liegt das Atelier mit angeschlossenem Laden von Nina Hollein. Und während ich die Straße entlangschlendere, überlege ich, was es denn für eine Person sein muss, die Kinderbücher schreibt, Architektin und Mutter ist und nebenbei noch ein aufstrebendes Modelabel betreibt.
Nina Hollein ist klein und zierlich, trägt Jeans und Turnschuhe und ein auffälliges Oberteil. Sie strahlt und wirkt jugendlich frisch, und schon nach wenigen Worten zeigt sie sich aufgeschlossen und erzählt über die Entstehung ihres Modelabels, Zukunftsaussichten, den Standort Frankfurt und wo sie sich und ihre Mode sieht.

frankfurtfashion: Reissfeste Stoffe, Muster und Farben die nicht aus der Mode kommen, cleane Schnitte und Funktionalität. Wie reagieren Frankfurter auf diese Nachhaltige Mode?

Nina Hollein: Natürlich gibt es durchwegs eine positive Resonanz. Ich denke, viele junge Frankfurter schätzen es sehr, dass von hier aus etwas Neues entsteht und aufgebaut wird. Denn als Mode-Mekka kann man die Stadt ja nicht gerade bezeichnen. Den Leuten gefällt, dass die Kleider in Deutschland gefertigt werden und traditionelle, vergessene Stoffe plötzlich wieder auftauchen – in einem völlig neuen Kontext und außerdem perfekt verarbeitet.

frankfurtfashion: Vergangenes Jahr tourten Sie mit Ihrer Mode durch Europa, in welcher Stadt zeigten sich die Besucher ihres Showrooms am aufgeschlossensten, bzw. experimentierfreudigsten? Wie sehen Sie das im Vergleich zu Frankfurt. Brauchen die Frankfurter modisch mehr Mut?

Nina Hollein: Mehr Mut, davon könnte man schon träumen. Während in Frankfurt viele Leute zwar begeistert von meinem Konzept und meinen Modellen sind – in der Theorie- gibt es vergleichsweise wenige Frauen, die spontan auch einmal ein Kleid aus Geschirrtuch-Stoff tragen würden. Der Tenor ist immer noch etwas konservativ und schüchtern hier. Das ist in Wien anders. Der Schritt vom Gefallen zum Kaufen und einfach Anziehen geht dort sicher schneller, weil er eben öfter gemacht wird. Das hat sich für mich auch deutlich in den Verkaufszahlen ausgedrückt. In Wien gibt es offensichtlich mehr Frauen, die auf der Suche nach ausgefallenen Stücken sind. Im Übrigen kann man diese Haltung auch sofort am Straßenbild ablesen: das Modebewusstsein einer Stadt lässt sich am besten an der Anzahl der Frauen messen, nach denen man sich auf der Strasse umdreht. Das passiert in Frankfurt eher selten, in New York fast im Fünf-Minuten-Takt.

frankfurtfashion: Ein eigener Laden bedeutet Beständigkeit, etwas Bleibendes, zumindest für eine gewisse Zeit. Wie sehen Sie sich und Ihr Label in der Zukunft? Als ein Modelabel für Frankfurt, oder als ein Modelabel mit Wurzeln und Einflüssen aus Frankfurt, denn, viele der ansässigen Designer, die in der Brückenstrasse zu finden sind, bewegen sich auch nach Jahren mit ihrer Mode nur im Frankfurter Raum und lassen sich auf keine Entwicklung ein so wie es scheint. Diese Designer finden sich im Schutz der Brückenstrasse.

Nina Hollein: Meinen Laden und das Atelier hier in Frankfurt sehe ich eigentlich als Basis-Standort für meine Arbeit – nämlich ein Label zu etablieren. Am Ende versuche ich natürlich, auch andere Leute zu erreichen als nur die Frankfurter. Viele meiner Stammkundinnen sitzen in anderen Städten und lassen sich die Teile schicken. Für den Herbst plane ich einen Pop Up Store in Berlin. Die Wahrheit ist auch, dass ich nicht glaube, dass wir ewig in Frankfurt wohnen werden.

frankfurtfashion: Sachsenhausen, abgesehen von Altsachsenhausen, entwickelt sich zu einer Idylle des Neobiedermaiers, zurück ins häusliche, beschauliche. Was gefällt Ihnen an dieser Entwicklung, die sich vor allem in der Kreativszene breit macht und wo sehen sie die Gefahren? Bleibt eine kreative Entwicklung nicht vielleicht auf der Strecke, wenn man sich immer nur in seinem näheren Umfeld aufhält und arbeitet.

Nina Hollein: Was das Neobiedermeier betrifft, spalte ich mich in zwei: Mit drei Kindern geniesse ich natürlich dieses Idyll, schätze den Spielplatz um die Ecke und das behütete Leben in Sachsenhausen. Als Designerin käme ich nie auf die Idee, mich an den Läden der Nachbarschaft zu messen. Das hat absolut nichts mit Arroganz zu tun. Man muss seine Fühler aber weiter ausstrecken, um sich selbst richtig einzuordnen und sich einen Überblick zu verschaffen. Wenn ich hier in der Nachbarschaft gut verkaufe, bedeutet das nicht unbedingt, dass meine Sachen auch wirklich gut sind. Dasselbe gilt aber auch umgekehrt: Kommt etwas hier nicht an, dann ist es noch lange nicht schlecht.

frankfurtfashion: In Frankfurt entstehen immer mehr kreative Kerne, die Stilblüten als Zentrum der jungen Modemacher in der Stadt. In diesem Jahr musste die Stilblüte auf eine größere Fläche umziehen, wie sehen Sie sich in diesem kreativen Prozess? Fühlen Sie sich als ein Teil davon? Oder nutzen Sie das Umfeld?

Nina Hollein: Wenn man in Frankfurt ein Label gründet, dann liegt es nahe, bei den Stilblüten dabei zu sein: In erster Linie macht der Austausch mit den anderen auch Spass. Natürlich ist die Stilblüten Messe aber auch eine direkte Verkaufsmesse und kann nicht mit den grossen Modemessen der anderen Städte verglichen werden. Beispielsweise als Plattform für eine Karriere also irrelevant.

frankfurtfashion: Wien oder Frankfurt. Was ist Heimat für Sie? Gibt es das überhaupt in unserer Zeit? Wie kann man Heimat definieren?

Nina Hollein: Für unsere Kinder war Frankfurt von Anfang an eine Heimat. Natürlich fühle ich mich noch immer sehr an Wien gebunden, denn dort leben unsere Familien. Ich selbst bin vor 15 Jahren dort weggezogen. Ich bin irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass meine Heimat eigentlich dort ist, wo meine Mutter lebt. Seit sie letztes Jahr verstorben ist, schwebe ich etwas unsicher in der Luft.

Nina Hollein ist gelernte Architektin und arbeitet als Designerin in Frankfurt. Sie lebt mit ihrem Mann Max Hollein und ihren Kindern im beschaulichen Stadtteil Sachsenhausen.

Boutique: Nina Hollein, Laubestraße 26, Frankfurt-Sachsenhausen

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  1. […] e.V. habe ich die neue Kollektion der Frankfurter Designerin Nina Hollein lautstark bejubelt. Nina Hollein entwirft Mode aus nachhaltigen Stoffen für Kinder und Damen. Inspiriert von ihrer Heimat […]



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